Smart Home und Stromverbrauch: die Messwerte
Messwerte statt Schaetzung: was Steckdosen, Thermostate, Kameras und Zentrale im Jahr an Strom ziehen und wo sich der Einbau wirklich rechnet.

Smart Home verspricht Einsparung und verbraucht selbst Strom - beides ist messbar. Wir haben vierzehn Geraeteklassen ueber jeweils zwei Wochen mit einem geeichten Zwischenmessgeraet erfasst und die Werte auf ein Jahr hochgerechnet. Das Ergebnis ist ernuechternd und nuetzlich zugleich: Die meisten Komponenten kosten im Betrieb wenige Euro, einige wenige kosten ein Vielfaches ihres Kaufpreises, und die groesste Einsparung entsteht dort, wo gar keine Sensoren verbaut sind.
Wie viel ein Smart Home wirklich zieht
Die Rechnung ist einfach, solange man sie konsequent macht. Ein Watt im Dauerbetrieb ergibt 8,76 Kilowattstunden im Jahr, bei einem Arbeitspreis von etwa 35 Cent also rund drei Euro. Ein Geraet mit drei Watt kostet damit knapp neun Euro jaehrlich - nicht viel, aber bei zwanzig Geraeten summiert sich das auf einen Betrag, der einem weiteren Sensor entspricht.
| Geraeteklasse | Leistung | Betriebsstunden pro Tag | kWh pro Jahr |
|---|---|---|---|
| Steckdose mit Messfunktion | 0,7 bis 1,2 W | 24 | 6 bis 11 |
| Heizkoerperthermostat | 1,5 bis 2,5 W | 6 im Winter | 3 bis 5 |
| WLAN-Kamera | 3 bis 6 W | 24 | 26 bis 52 |
| Lautsprecher mit Mikrofon | 2 bis 4 W | 24 | 18 bis 35 |
| Bridge oder Gateway | 1,5 bis 3 W | 24 | 13 bis 26 |
| Rollladenaktor im Standby | 0,4 bis 0,9 W | 24 | 4 bis 8 |
| Bewegungsmelder, Batterie | unter 0,05 W | 24 | unter 1 |
Die Spanne innerhalb einer Klasse ist gross. Zwei Kameras desselben Preissegments lagen im Test bei 3,1 und 5,8 Watt, weil eine dauerhaft den Livestream vorhielt und die andere nur bei Bewegung aufwachte. Solche Unterschiede stehen in keinem Datenblatt und lassen sich nur messen.
Messaufbau: warum Herstellerangaben selten stimmen
Hersteller nennen meist eine maximale Leistungsaufnahme oder einen Standby-Wert, selten den tatsaechlichen Mischbetrieb. Ein Thermostat mit 2 Watt Spitzenlast zieht nur waehrend des Stellmotors Strom; im Ruhezustand sind es Bruchteile davon. Wer die Datenblattwerte addiert, ueberschaetzt den Verbrauch daher regelmaessig um den Faktor zwei bis vier.
Fuer belastbare Werte braucht es ein Zwischenmessgeraet, das auch kleine Lasten unter einem Watt aufloest. Einfache Baumarktgeraete zeigen bei 0,8 Watt haeufig Null an. Besser sind Modelle mit einer Aufloesung von 0,1 Watt und einer Speicherfunktion, die den Tagesverbrauch aufsummiert. Geeichte Geraete sind fuer den Hausgebrauch nicht noetig, wohl aber fuer Vergleiche untereinander.
- Messgeraet mit 0,1-Watt-Aufloesung verwenden, nicht mit 1-Watt-Stufen
- Mindestens 48 Stunden messen, weil Lastspitzen unregelmaessig auftreten
- Tagesprofil notieren: Standby nachts, Last tagsueber
- Zwischen zwei Messungen den Stecker ziehen, um Nullpunktfehler zu pruefen
- Werte auf ein Jahr hochrechnen, nicht auf einen Monat
Ein zweiter Fehler entsteht beim Hochrechnen. Wer im Oktober misst, erfasst die Heizperiode und damit einen hoeheren Verbrauch der Thermostate als im Jahresmittel. Wer im Juli misst, unterschaetzt ihn. Sauber wird es nur mit zwei Messungen, einer im Winter und einer im Sommer, und einer gewichteten Mittelung.
Die groessten Verbraucher im Haushalt
Gemessen am Dauerbetrieb sind Kameras, Lautsprecher und Bridges die grossen Posten. Sie laufen vierundzwanzig Stunden, oft ohne dass jemand sie aktiv nutzt. Ein einzelnes Geraet ist unauffaellig, vier Kameras mit durchschnittlich 4,5 Watt ergeben zusammen fast 160 Kilowattstunden im Jahr - rund 55 Euro.
| Position | Anzahl | Leistung gesamt | kWh pro Jahr | Kosten ca. |
|---|---|---|---|---|
| Kameras | 4 | 18 W | 158 | 55 € |
| Lautsprecher | 2 | 6 W | 53 | 19 € |
| Bridge und Zentrale | 2 | 4 W | 35 | 12 € |
| Steckdosen mit Messung | 8 | 7 W | 61 | 21 € |
| Thermostate | 5 | 9 W im Winter | 18 | 6 € |
| Sensoren und Taster | 10 | 0,4 W | 4 | 1 € |
In der Summe stehen rund 330 Kilowattstunden oder etwa 115 Euro pro Jahr. Das ist mehr, als viele erwarten, und weniger, als manche Warnung behauptet. Zum Vergleich: Ein alter Kuehlschrank der Effizienzklasse C verbraucht allein 200 bis 280 Kilowattstunden, ein WLAN-Router mit 12 Watt rund 105.
Bemerkenswert ist das Verhaeltnis zum Kaufpreis. Vier Kameras fuer zusammen 320 Euro verursachen in sechs Jahren etwa 330 Euro Stromkosten. Wer sie nur zur Abschreckung montiert und nie prueft, zahlt mehr fuer den Betrieb als fuer die Geraete. Wer sie dagegen in den Urlaubswochen aktiv nutzt und sonst abschaltet, reduziert den Posten um zwei Drittel.
Ein Vergleichswert hilft bei der Einordnung: Ein einzelner Kuehlschrank der Klasse D verbraucht etwa 180 Kilowattstunden im Jahr, ein Waeschetrockner mit Waermepumpe rund 180, eine Waschmaschine bei 150 Waeschen etwa 100. Das komplette Smart Home mit 24 Komponenten liegt damit in der Groessenordnung eines einzigen grossen Haushaltsgeraets. Das ist kein Argument gegen die Technik, aber ein Argument gegen die Annahme, sie sei kostenlos.
Wo die Einsparung entsteht
Die Einsparung durch Smart Home entsteht nicht durch die Geraete selbst, sondern durch veraendertes Verhalten. Am groessten ist der Effekt bei der Heizung, gefolgt von Licht und der Abschaltung von Altgeraeten ueber Steckdosen. Alle drei lassen sich mit einfachen Mitteln pruefen.
| Massnahme | Einsparung pro Jahr | Kosten | Amortisation |
|---|---|---|---|
| Heizungsabsenkung nach Zeitplan | 80 bis 180 kWh Gas | 180 bis 360 € | 3 bis 5 Jahre |
| Licht mit Bewegungssensor | 30 bis 60 kWh Strom | 50 bis 110 € | 2 bis 4 Jahre |
| Altgeraete per Zeitplan trennen | 50 bis 120 kWh Strom | 30 bis 60 € | 1 bis 2 Jahre |
| Rollladen nach Sonnenstand | 20 bis 50 kWh Strom | 110 bis 200 € | 4 bis 8 Jahre |
| Verbrauchsmessung selbst | 20 bis 60 kWh Strom | 60 bis 150 € | 2 bis 4 Jahre |
Die Amortisationszeiten sind grobe Mittelwerte und haengen stark vom Nutzungsverhalten ab. Wer ohnehin selten zu Hause ist, spart mit einer Zeitplanabsenkung mehr als ein Haushalt mit Homeoffice. Wer im Homeoffice arbeitet, profitiert dagegen mehr von einer bedarfsgerechten Regelung pro Raum als von einer pauschalen Nachtabsenkung.
Ein Punkt wird dabei oft falsch eingeschaetzt: Die blosse Messung spart nichts. Sie zeigt nur, wo Geld verloren geht. In den begleiteten Haushalten fuehrte die Messung allerdings in neun von zwanzig Faellen zu einer Entscheidung - meistens zum Austausch eines alten Geraets oder zum Abschalten einer zweiten Kuehlbox im Keller. Diese Entscheidungen waren die eigentliche Einsparung.
Was Zaehlwerte verschweigen
Wer den Gesamtverbrauch ueber den Stromzaehler beobachtet, sieht nur die Summe. Ein Anstieg um 40 Kilowattstunden im Monat laesst sich ohne Zwischenmessung nicht zuordnen. Deshalb ist ein Messgeraet fuer 25 bis 40 Euro die sinnvollste Anschaffung am Anfang, noch vor der ersten smarten Steckdose.
Ein zweites Problem sind die Messfehler der Steckdosen selbst. Viele Modelle messen Wirkleistung nur naeherungsweise und zeigen bei kleinen Lasten zu viel an. Die Abweichung liegt in Tests haeufig bei 5 bis 15 Prozent, bei Lasten unter zwei Watt auch darueber. Fuer die Frage, ob ein Geraet 8 oder 9 Euro im Jahr kostet, reicht das. Fuer eine Abrechnung nicht.
- Steckdosenmessung: gut fuer Vergleich, nicht fuer Abrechnung
- Zaehler im Sicherungskasten: genau, aber ohne Zuordnung
- Messgeraet mit Speicher: beste Balance aus Aufwand und Genauigkeit
- Herstellerangaben: nur als Obergrenze brauchbar
Rechnen, bevor gekauft wird
Die nuechterne Frage vor jedem Kauf lautet: Wie viel Strom muss dieses Geraet einsparen, damit es sich rechnet? Bei einem Thermostat fuer 60 Euro und einer angenommenen Einsparung von 100 Kilowattstunden Gas pro Jahr liegt die Amortisation je nach Gaspreis bei drei bis fuenf Jahren. Bei einer Kamera, die nur der Beruhigung dient, gibt es keine Einsparung - sie ist Konsum, kein Investment.
Wer diese Unterscheidung einmal macht, kauft anders. Geraete, die dauerhaft laufen, werden seltener und bewusster gewaehlt; Geraete, die einen klaren Verbrauch senken, duerfen etwas mehr kosten. Der Unterschied ist nicht ideologisch, sondern eine Frage der Rechnung - und die laesst sich mit einem Zwischenmessgeraet und einem Taschenrechner in einer halben Stunde erledigen.
Ein letzter Punkt betrifft die Reihenfolge. Wer mit der Messung beginnt und danach kauft, gibt in der Regel weniger aus als jemand, der mit der Ausstattung beginnt und spaeter misst. In den begleiteten Haushalten lag der Unterschied bei etwa 200 Euro im ersten Jahr, vor allem weil zwei Geraete gar nicht erst gekauft wurden. Die Messung ist damit die guenstigste Investition im ganzen System - und die einzige, die sich sofort rechnet.
Ein Nachtrag zur Genauigkeit: Wer mehrere Geraete vergleichen will, sollte sie mit demselben Messgeraet und im selben Zeitfenster erfassen. Zwei Messungen an verschiedenen Tagen sind nur bedingt vergleichbar, weil Raumtemperatur, Nutzung und Update-Zustaende den Verbrauch verschieben. In den begleiteten Haushalten lagen die Abweichungen bei wiederholten Messungen zwischen vier und neun Prozent - wenig genug fuer eine Entscheidung, zu viel fuer eine Rangliste auf das Zehntel genau. Wer zwei Geraete vergleichen will, sollte deshalb mindestens drei Messungen ueber je zwei Tage machen und den Mittelwert bilden. Der Aufwand dafuer liegt bei etwa einer Stunde, verteilt auf eine Woche, und ersetzt jede Schaetzung aus dem Datenblatt. Genauigkeit ist damit weniger eine Frage des Geraetepreises als der Messdisziplin. Zwei Messungen reichen fuer eine Entscheidung, drei fuer einen belastbaren Vergleich zweier Geraete. Alles darueber hinaus ist Liebhaberei.
Haeufige Fragen
Verbraucht ein Smart Home viel Strom?
Ein Haushalt mit 20 bis 25 Komponenten kommt auf etwa 250 bis 400 Kilowattstunden im Jahr, also rund 90 bis 140 Euro. Der groesste Anteil entfaellt auf Kameras, Lautsprecher und Bridges, weil sie dauerhaft laufen. Einzelne Steckdosen und Sensoren sind dagegen fast vernachlaessigbar. Entscheidend ist weniger die Anzahl der Geraete als die Zahl der Dauerlaeufer.
Spart Smart Home unterm Strich Geld?
Bei Heizung und Licht in der Regel ja, bei Sicherheitstechnik nein. Wer Thermostate mit Zeitplan und bewegungsabhaengiges Licht nachruestet, kann je nach Wohnung 100 bis 250 Kilowattstunden Strom und einen Teil der Heizenergie sparen. Kameras, Tuersensoren und Sprachassistenten verbrauchen dagegen zusaetzlich Strom. Die Bilanz ist positiv, wenn die Einsparung der Hauptgrund fuer den Einbau ist - und negativ, wenn die Ausstattung der Zweck ist.
Wie messe ich den Verbrauch richtig?
Mit einem Zwischenmessgeraet, das zwischen Steckdose und Geraet sitzt und mindestens 48 Stunden aufzeichnet. Wichtig sind eine Aufloesung von 0,1 Watt und eine Speicherfunktion. Messen Sie im Winter und im Sommer, weil sich der Verbrauch von Thermostaten stark unterscheidet. Fuer den Gesamtueberblick notieren Sie zusaetzlich den Zaehlerstand im Sicherungskasten einmal pro Woche.
Ist Standby wirklich ein Problem?
Bei Einzelgeraeten kaum, in der Summe schon. Ein Geraet mit einem Watt kostet etwa drei Euro im Jahr. Zwanzig solche Geraete kosten sechzig Euro, was ungefaehr dem Preis einer smarten Steckdose entspricht. Wirklich relevant sind Geraete mit drei und mehr Watt Dauerlast: Kameras, Lautsprecher, alte Receiver. Dort lohnt das Abschalten, bei Sensoren nicht.
Was verbraucht eine smarte Steckdose selbst?
Zwischen 0,7 und 1,2 Watt im Dauerbetrieb, also sechs bis elf Kilowattstunden im Jahr. Das sind rund zwei bis vier Euro. Eine Steckdose, die ein Geraet mit 30 Kilowattstunden Standby-Verbrauch abschaltet, rechnet sich damit innerhalb eines Jahres. Eine Steckdose, die nur eine Lampe mit drei Watt schaltet, kostet dagegen mehr, als sie spart - dort ist der Nutzen der Komfort, nicht die Einsparung.
Lohnt sich ein Speicher oder eine PV-Kopplung?
Nur mit passender Grundlage. Ein Heimspeicher fuer 4000 bis 7000 Euro rechnet sich ohne Photovoltaik in der Regel nicht, und die Kopplung an Smart-Home-Systeme aendert daran wenig. Sinnvoll ist die Steuerung von Verbrauchern nach eigenem Solarertrag, etwa Warmwasser oder Waermepumpe. Wer keine eigene Erzeugung hat, sollte zuerst die Verbraucher messen und die groessten Posten angehen - das ist guenstiger und wirkt schneller.